Stadt Willich

Stadtjubiläum

Inhalt

Historie

Wappen der 4 Stadtteile
Ein Stück in vier Akten - Prolog

Die Stadt Willich ist ein Kind der Kommunalen Neugliederung von 1970. Ziel dieser umfassenden Verwaltungs- und Gebietsreform war es, kleinere Gemeinden zu größeren Verwaltungseinheiten zusammen zu schließen, um die kommunalen Aufgaben effektiver und wirtschaftlicher erfüllen zu können und damit den Einwohnern bessere Arbeits- und Lebensbedingungen zu schaffen. Eine von der damaligen Landesregierung beauftragte Kommission von Sachverständigen legte 1966 ein Gutachten vor, das für leistungsfähige Kommunen eine Mindestgröße von 8.000 Einwohnern vorsah.

Zum Vergleich: In jenem Jahr hatten unsere Gemeinden folgende Einwohnerzahlen:

 
Anrath8.916
Neersen5.130
Schiefbahn8.116
Willich13.726

Die Einwohnerzahl war aber nicht die einzige Messgröße. Den Experten schwebten für den ländlichen Raum in Nordrhein-Westfalen zwei Grundtypen vor. Die Gemeinde des Grundtyps A sollte zwingend über folgende durchaus ambitionierte Grundausstattung verfügen:

Verwaltungsgebäude
Volksschule mit Lehrschwimmbecken und Turnhalle
Kindergarten, Kinderhort und Spielplätze
Jugendheim und Bücherei
Sportplatz und Freibad
Altenheim und Gemeindepflegestation
Feuerwache
Friedhof mit Leichenhalle
Wasserversorgung, Kanalisation und Kläranlage
Müllabfuhr

Eine weitere Maßgabe legte fest, dass alle Einwohner besagte kommunale Einrichtungen von ihrer Wohnung aus mit öffentlichen Verkehrsmitteln in höchstens einer halben Stunde erreichen sollten. Darüber hinaus gab es eine Gemeinde des Grundtyps B, die zusätzlich noch folgende Einrichtungen vorhalten und eine Einwohnerzahl von mindestens 30.000 haben sollte:

Gymnasium
Realschule
Sonderschule
Hallenbad
Schlachthof
Kulturhalle

Aus heutiger Sicht ist die Absicht der Landesplaner, durch die Vereinigung von Städten und Gemeinden effiziente Verwaltungseinheiten zu schaffen, durchaus nachvollziehbar. Mitte der 1960er Jahre trafen die Ideen der Landesregierung aber auf selbstbewusste Kommunen, die sich durch den Aufschwung der Wirtschaftswunderzeit auf einem guten Weg sahen und keineswegs bereit waren, ihre Selbständigkeit kampflos aufzugeben. Es folgte ein Drama in vier Akten....

ERSTER AKT: 1966 - Das Spiel beginnt

Rudolf Müller bei VerseidagAm 5.Dezember 1966 erläuterte Oberkreisdirektor Rudolf Müller den Vertretern der kreisangehörigen Gemeinden seine Vorstellungen zur Neugliederung des Kreises Kempen-Krefeld. Dabei sollten aus 32 Gemeinden 15 Großgemeinden gebildet werden, darunter

- Willich-Schiefbahn
- Anrath-Neersen

Manfred Möller, zu jenem Zeitpunkt Mitglied des Anrather Gemeinderats, erinnerte sich, die Anwesenden hätten die Ausführungen „sachlich und emotionslos" hingenommen. Ein Kreistagsabgeordneter habe lakonisch gemeint, im Zeitalter der Automaten und Mechanisierung müsse man eben großräumiger denken. Der Oberkreisdirektor ahnte aber, welchen Stein er damit losgetreten hatte. Gegenüber der Rheinischen Post meinte er: „Das wird die Lokalpatrioten in Rage bringen".

Und so kam es dann auch, wobei sich die Positionen der vier Altgemeinden erheblich voneinander unterschieden: So ging Willich als größte der Gemeinden im Ostteil des Kreises mit dem größten Selbstbewusstsein in die Verhandlungen. Man war zu Konstellationen jedweder Art bereit, träumte sogar insgeheim von einem „Groß-Willich" von Anrath bis an den Rhein. In Schiefbahn sah die Sache schon anders aus. Die Gemeinde hatte sich in den 50er und 60er Jahren gemausert, zahlreiche Neubaugebiete ausgewiesen, am Nordkanal mit Erfolg Gewerbebetriebe angesiedelt und verfügte über eine ansprechende Schullandschaft. Deshalb pochte Schiefbahn auf den Erhalt seiner Selbständigkeit und lehnte einen Zusammenschluss mit dem traditionell ungeliebten Nachbarn Willich ab. Neersen war die kleinste der vier Altgemeinden und mit seinen knapp 5.000 Einwohnern aus Sicht der Kommission ein potentielles Appetithäppchen. Doch selbst hier gab man sich keineswegs kampflos geschlagen - im Gegenteil: Der dynamische Gemeindedirektor Bernhard Hüsers sah seine Kommune von der Grundausstattung bereits als Gemeinde des Grundtyps A, zur Gemeinde des Grundtyps B würden nur Freibad und Lehrschwimmbecken fehlen. Aber auch das sei nur eine Frage der Zeit, würde doch die verkehrsgünstige Lage am Kreuzungspunkt der Bundesstraßen 7 und 57 bald zu beträchtlichen Industrieansiedlungen und damit sprudelnden Geldquellen führen. Den vorgeschlagenen Zusammenschluss mit Anrath sah er kritisch, schließlich bilde die Bundesstraße 7 eine unüberbrückbare Barriere zwischen den Orten. Auch in Anrath wurden angesichts der angedachten Zusammenlegung mit Neersen die Messer gewetzt. Bürgermeister Krebs nannte den Plan „unausgewogen" und ein Ratsvertreter meinte kampflustig: „Der OKD wird sich noch wundern". Trotzdem streckten Anrath und Neersen im Laufe des Jahres 1967 ihre Fühler aus, vielleicht bereits ahnend, dass alles noch viel schlimmer kommen könnte.

 

ZWEITER AKT: 1968 - Anrath und Neersen proben den Aufstand

Anrather und Neersener Gemeindirektoren und Bürgermeister

 

 

 

 

 

 

Da sein erster Vorschlag nicht das Wohlwollen der Landesregierung gefunden hatte, beauftragte Oberkreisdirektor Müller eine Wirtschaftsberatung mit der Ausarbeitung weiterer Varianten. Diese wurden am 16.Januar 1968 vorgestellt und sahen unter anderem zwei Großgemeinden vor:
- Willich-Schiefbahn-Neersen
- Anrath-St.Tönis-Vorst

Als dieser Vorschlag publik wurde, beschlossen Anrath und Neersen, Fakten zu schaffen. Am 24.Januar 1968 unterzeichneten die Gemeinderäte eine Vereinbarung, die einem Zusammenschluss der beiden Orte den Weg bereiten sollte. Dabei war die Pirouette der Neersener schon höchst verblüffend: Von der B 7 als unüberwindlicher Barriere war nicht mehr die Rede, dafür wurde die lange gemeinsame Geschichte als verbindender Faktor in den Vordergrund gerückt. Zwei Tage später erhielten die Vertreter von Willich, Schiefbahn und Neersen Gelegenheit, dem OKD ihre jeweiligen Positionen zu erläutern. Willich strotzte immer noch vor Selbstbewusstsein und sah sich als Zentrum der neu zu bildenden Gemeinde. Schiefbahn fand sich mit dem Verlust seiner Selbständigkeit ab, wünschte sich Neersen als Korrektiv gegenüber dem ungeliebten Nachbarn jenseits des Flöthbachs. Neersen schließlich begründete seine Ablehnung des Konstrukts mit der Entfernung nach Willich. Außerdem sei die Verkehrsanbindung dorthin so schlecht, dass man gezwungenermaßen über Schiefbahn fahren müsse.

Eine offizielle Stellungnahme des Kreises warteten Anrath und Neersen gar nicht mehr ab - noch am gleichen Abend unterzeichneten Vertreter beider Gemeinden einen Gebietsänderungsvertrag, der am 1.Januar 1969 in Kraft treten sollte. Schon bald mussten die Revoluzzer erkennen, dass ihr Vorstoß weder vom Kreis noch von der Landesregierung unterstützt wurde. Bürgermeister Krebs äußerte pessimistisch, dass die Gespräche nicht ermutigend waren. Die Rollenverteilung von Helden und Schurken war recht eindeutig: Auf der einen Seite die Verteidiger von Anrath-Neersen als Bewahrer von Geschichte und Tradition, auf der anderen Seite die Landesplaner in Düsseldorf als seelenlose Technokraten. Die Gegner der Neugliederung spielten dabei geschickt mit den Emotionen in der Bevölkerung: Dem Horrorszenario einer anonymen Stadt wurde das Idealbild einer lebendigen Ortsgemeinschaft gegenübergestellt. Nur eine kleine, überschaubare Kommune garantierte aus Sicht der Kritiker eine unmittelbare Beteiligung der Bürger an allen öffentlichen Angelegenheiten.

DRITTER AKT: 1968 - Der Hammer fällt

Den Auftakt des dritten Akts bildete eine Informationsfahrt der Neugliederungskommission durch Neersen, Schiefbahn und Willich am 24.April (Anrath war einer anderen Gruppe zugeordnet worden). Landrat Maaßen begrüßte den Regierungspräsidenten Bäumer im Namen des Kreises und schränkte direkt ein: „Ob ich das auch im Namen der Gemeinden tun darf ist fraglich." Bei einer anschließenden Diskussionsrunde in Willich überraschte der Regierungspräsident die Teilnehmer mit der Frage: „Wie denken Sie, meine Herren, über eine Großgemeinde Willich - Schiefbahn - Neersen - Anrath?" Die Frage löste bei den Neersener Vertretern Schnappatmung aus. Bürgermeister Wirtz und Gemeindedirektor Hüsers verwiesen auf den freiwilligen Zusammenschluss mit Anrath und die Nachteile einer Fusion mit Willich und Schiefbahn. Doch Hans-Otto Bäumer - so die Rheinische Post- habe nur den Opernsängerkopf geschüttelt. Die „Heimat im Blickpunkt" fuhr bei der anschließenden Berichterstattung schwere Geschütze auf: So habe der Regierungspräsident während der ganzen Rundfahrt nur Zeitung gelesen, für jede Gemeinde habe er sich nur 20 bis 30 Minuten Zeit genommen und im Anhörungstermin hätte er sich zwar die Argumente der Ratsvertreter angehört, diese aber im gleichen Augenblick verworfen und abgetan. Folglich sei den Gemeindevertretern in einem pseudodemokratischen Verfahren die Rolle von Statisten in einem Schauspiel zugemutet worden. Die Zeitung kam zu einem resignierten Schluss: „Nur die von Technokraten erdachten Größenvorstellungen und räumlichen Zuordnungen wurde als der Weisheit letzter Schluss verkündet wurden; die Anwendung statistischer Zahlen, die Addition von Einwohnern und Wohnflächen hat in den Köpfen der Kommission eine bedenkenlose Zukunftsgläubigkeit entstehen lassen". Die Anrather Zeitzeugen Gottfried Commans, Hans-Peter Enger und Werner Oerschkes waren später der festen Überzeugung, dass die Entscheidung bereits längst vor der Besichtigungsfahrt gefallen war, und das es sich bei selbiger um eine reine Showveranstaltung gehandelt habe. Manfred Möller verwies in diesem Zusammenhang auf die „Graue Eminenz" im Hintergrund - die Viererlösung sei eine Idee des damaligen Oberkreisdirektors Müller gewesen.

VIERTER AKT: Die Geburtsstunde der Stadt Willich

Mit der Verabschiedung des Gesetzes zur Neuordnung des Kreises Kempen-Krefeld bereitete der Landtag allen Spekulationen ein Ende, die „Viererlösung" wurde endgültig zementiert und bereits knapp zwei Wochen später wurde die Stadt Willich aus der Taufe gehoben. Allen Verantwortlichen war klargeworden, dass der Innenminister dem Vorschlag des Regierungspräsidenten folgen würde, und nur die größten Optimisten glaubten noch an ein gutes Ende für Anrath-Neersen. Selbst die „Heimat im Blickpunkt" als Speerspitze im Kampf gegen die Viererlösung zeigte sich resigniert, machte aber nach wie vor kein Hehl daraus, dass diese eine fatale Fehlentscheidung sei: „Die Schwäche des Vorschlags liegt darin, dass weniger mit der Idee einer vernunftvollen Neugliederung, mehr aber unter der Magie der großen Zahl gearbeitet wurde. Als praktisches Wagnis führte man vier Gemeinden zusammen, nur um dem Dogma von 30.000 Einwohnern Rechnung zu tragen". Auch die Zeitzeugen Gottfried Commans und Hans-Peter Enger hatten wenig Verständnis dafür, dass einer Gemeinde Anrath-Neersen mit rund 15.000 Einwohnern die Zustimmung verweigert wurde - nicht aber Grefrath und Schwalmtal mit einer definitiv geringeren Bevölkerung. Außerdem befürchtete man in Anrath und Neersen, in der neuen Stadt von den beiden Partnern untergebuttert zu werden. So wies „Heimat im Blickpunkt" darauf hin, dass Schiefbahn und Willich potentielle Entlastungsstädte für die umliegenden Ballungsräume seien - Anrath und Neersen hätten dann die dortigen Umstrukturierungen zu bezahlen. Außerdem lägen sämtliche größeren Einrichtungen wie Sportstätten, Schwimmbad, Realschule und Gymnasium sowie die neu ausgewiesenen Gewerbegebiete östlich der B 57 (heute A 44) im Raum Willich-Schiefbahn. So stieß dann auch der Appell des kommissarischen Bürgermeisters der neuen Stadt Willich, Emil Merks, künftig an einem Strang zu ziehen, in den beiden westlichen Stadtteilen auf tiefe Skepsis: „Wir möchten Sie, verehrte Mitbürger, im Interesse unserer Stadt und seiner Bürger herzlich bitten, ab sofort alles Trennende der Vergangenheit zu vergessen, umzudenken und nur noch die gemeinsame Zukunft unserer Stadt Willich zu sehen. Das sogenannte Nachkarten hat in unserem Falls wirklich keinen Sinn."

DIE ERSTEN JAHRE: 1970 bis 1979

So standen also die Dinge am 1.1.1970, als die Stadt Willich das Licht der Welt erblickte. Kein Enthusiasmus, keine Aufbruchsstimmung, dafür tiefer gegenseitiger Argwohn und die Befürchtung, bei Planungen jedweder Art, sei es beim Schul-, Kanal- oder Straßenbau oder bei der Ausweisung neuer Wohngebiete benachteiligt zu werden.

Hans-Gerd Segerath, langjähriges Mitglied des Stadtrats und Anrather Urgestein, erinnert sich in diesem Zusammenhang an die Wiederbegründung des Bürgervereins Anrath im selben Jahr. Diese sei Ausdruck des tiefen Misstrauens der Anrather Bevölkerung gegenüber der Stadt Willich gewesen und der Verein habe in den ersten Jahren vor allem eine politische Ausrichtung gehabt.

1970 Wahlkampf der Willicher SPDDieses Misstrauen drückte sich aber auch in einem politischen Phänomen aus: es gab nicht nur unterschiedliche politische Lager - zu jenem Zeitpunkt waren es CDU, SPD, FDP und CWG - sondern auch vier kommunale Lager, die versuchten, in der neuen Stadt die Interessen von Anrath, Neersen, Schiefbahn und Willich zu vertreten.

Renate Tippmann, in den frühen 1970er Jahren Schriftführerin ihrer Partei, erinnert sich, wie der SPD-Vorstand tage- und nächtelang Kriterien für die Aufstellung von Reservelisten für anstehende Wahlen entwickelte, um nur keinen Stadtteil zu benachteiligen: „Das war eine Katastrophe."

Und Johannes Wallhorn, langjähriger Chef der CDU-Fraktion, ärgert sich noch heute über die damaligen Verhältnisse: „Die Kirchtürme in Anrath, Schiefbahn und Willich waren immer besetzt - nur nicht in Neersen, weil wir gar keinen haben." Das einhellige Fazit aller Zeitzeugen lautet: Ein gesamtstädtisches Denken war in den ersten Jahren schlichtweg nicht vorhanden.

So steuerte das frisch vom Stapel gelaufene Schiff „Stadt Willich" schon im Vorfeld der ersten Kommunalwahl am 15.März 1970 auf einen Eisberg zu - waren doch beide Spitzenkandidaten, Dr.Hans Lamers (CDU) und Alfred Rohmeis (SPD) Schiefbahner. Als die CDU erwartungsgemäß die Wahl mit absoluter Mehrheit gewann, wurde Dr.Lamers zum Bürgermeister gewählt. Das Vorschlagsrecht für den ersten Stellvertreter stand der zweitplatzieren SPD zu, die dann auch Alfred Rohmeis nominierte. An dieser Stelle schlug die große Stunde der „kommunalen Lager" in der CDU - sie wollten nicht beide Spitzenämter mit Schiefbahnern besetzt sehen. Nachdem zuerst eine Kampfabstimmung unvermeidbar schien, setzten sich schließlich die gemäßigten Kräfte durch, und Rohmeis wurde mit breiter Mehrheit zum Stellvertreter gewählt.

Es blieb aber ein gesundes Misstrauen gegen eine echte oder auch nur gefühlte Schiefbahner Dominanz, kamen doch nicht nur die beiden Bürgermeister, sondern auch die „graue Eminenz" des Stadtrats, Wolfgang Samland, aus diesem Stadtteil. Heinrich Tummel, in den 1970er Jahren Vorsitzender des CDU-Stadtverbands, erinnert sich an eine scherzhafte Bemerkung des letzten Schiefbahner Kämmerers zu Dr.Lamers: „Hans, werd' Du Bürgermeister, ich werde Dein Adjutant und dann stecken wir Willich in Brand." Da in jedem Scherz ein Körnchen Wahrheit steckt, kann man sich gut vorstellen, dass das ohnehin nicht gerade herzliche Verhältnis der beiden Stadtteile in der Folgezeit schwierig blieb.

Bald entwickelten sich parteiübergreifende Treffpunkte, die bis heute einen legendären Ruf genießen. So trafen sich die Anrather Ratsmitglieder nach den Sitzungen in der Gaststätte „Eierquelle" an den Beckershöfen, später stießen auch viele Willicher dazu. Einen ganz urigen Treffpunkt hatten die Neersener: Die Backstube von Matthias Mertens auf der Hauptstraße. Johannes Wallhorn erinnert sich an den großen Vorzug dieses Ortes: „Der Bäckermeister Mertens war ja zu allen Tages- und Nachtzeiten in der Backstube, sogar am ersten Weihnachtstag morgens nach der Kirche. Folglich hat man sich da oft versammelt."

Auch für die Mitarbeiter der Stadtverwaltung, zu deren Chef am 29.April der Neersener Jurist Bernhard Hüsers gewählt wurde, waren die Anfangsjahre alles andere als einfach. Einer von ihnen war der damals 29jährige Siegfried Bolduan: „Eine Aufbruchsstimmung herrschte damals nicht, eher ein Unbehagen: Was wird aus mir? Wo komme ich hin? Das größte Problem war die unterschiedliche Organisation und Arbeitsweise einzelner Sachbereiche. Jeder hat versucht, den Kollegen aus den anderen Altgemeinden seine bisherige Arbeitsweise zu übertragen, da gab es natürlich Reibungspunkte." Für ihn war die Bildung eines eigenen Planungsamtes und Bauaufsichtsamtes zum 1. Januar 1972 ein wesentlicher Meilenstein für die Entwicklung der Stadtverwaltung: „Da war auf einmal das Gefühl: Wir sind jetzt eine richtige Stadt, wir können jetzt in vielen Bereichen selbst entscheiden. Das war vorher nicht der Fall."

1975 - Elefanten des Zirkus Barnum am Willicher BahnhofBei der Kommunalwahl 1975 konnte die CDU ihre absolute Mehrheit verteidigen. Folglich wurde Dr. Hans Lamers als Bürgermeister wiedergewählt. Der Eklat folgte bei der Wahl des Stellvertreters. Renate Tippmann erinnert sich: „Die CDU wollte uns durch ihre absolute Mehrheit vorschreiben, dass wir einen anderen Kandidaten als Alfred Rohmeis aufstellen sollten. Wir haben aber gesagt: Er oder keiner. So kam es dann auch - wir haben in dieser Wahlperiode keinen Stellvertreter gestellt."

Die Bürgermeisterwahl 1975 war der Ausgangspunkt einer knapp zehnjährigen Eiszeit zwischen den beiden großen Parteien, die unter dem Namen „Willicher Verhältnisse" berühmt wurde. Mit dieser Wahl endete auch die Geschichte der Christlichen Wählergemeinschaft Willich, einer Nachfolgepartei des Zentrums - sie scheiterte an der 5%-Hürde und verschwand anschließend in der Versenkung.

Eine 52jährige Willicherin startete bei der Wahl dagegen so richtig durch: Käthe Franke, gerade einmal drei Jahre Mitglied der CDU, wurde erstmals in den Rat gewählt und direkt Vorsitzende des Kulturausschusses. Heinrich Tummel glaubt, dass mit Käthe Franke konsequent ein Gegenpol zur Schiefbahner Dominanz im Stadtrat aufgebaut wurde: „Sie haben ihr einen sehr öffentlichkeitswirksamen Ausschuss gegeben. Und sie kam sehr gut in der Öffentlichkeit an - das war der entscheidende Punkt." Otto Busch, seit 1975 für die CDU im Stadtrat, bestätigt diese Sichtweise: Die Willicher und die Neersener standen hinter ihr.

Vier Jahre später sollte diese Rechnung aufgehen. Denn das Jahr 1979 begann mit einem großen Stühlerücken. Stadtdirektor Bernhard Hüsers hatte im Jahr zuvor erklärt, vorzeitig in den Ruhestand treten zu wollen. Für die Nachfolge bewarben sich unter anderem der Erste Beigeordnete Dr. Joachim Spallek, Dr. Matthias Hansen aus Greven - und Bürgermeister Dr. HansLamers, zu diesem Zeitpunkt Richter am Oberlandesgericht Düsseldorf. Dessen Kandidatur war nicht nur bei SPD und FDP umstritten, sondern auch in der eigenen Partei, wo viele Mitglieder Dr. Spallek favorisierten. Diese Spaltung der CDU führte dazu, dass im ersten Wahlgang der SPD-Kandidat Dr. Hansen die meisten Stimmen erhielt. So musste eine eilig beantragte Sitzungsunterbrechung dazu dienen, die CDU-Mitglieder auf einen Kandidaten zu vereinigen, dies war dann Dr. Lamers. Wer gedacht hatte, in der Mehrheitsfraktion würde jetzt Ruhe einkehren, sah sich bald getäuscht. Denn nach den Bestimmungen der Gemeindeordnung musste Dr. Lamers sein Amt als Bürgermeister umgehend niederlegen. Für den damaligen stellvertretenden Partei- und Fraktionsvorsitzenden Otto Busch begann eine harte Zeit: „Es stellte sich die Frage nach dem neuen Bürgermeister. Käthe Franke wollte, Manfred Möller wollte, und Hans Lamers wollte Wolfgang Samland. Käthe Franke war Parteivorsitzende und Manfred Möller Fraktionsvorsitzender. Und da sie beide kandidierten, lief die ganze Soße über mich. Wir hatten keinen Samstag und keinen Sonntag, das Telefon stand nie still. Meine Frau hat geschimpft wie ein Rohrspatz. Irgendwann hat sie gesagt: Wenn das so weitergeht, ziehe ich aus."

1979 Käthe Franke ernennt Dr. Hans Lamers zum neuen StadtdirektorLetztlich setzte sich Käthe Franke durch. Sie wurde am 29. März 1979 zur neuen Bürgermeisterin gewählt. Nach diesem ereignisreichen Jahresbeginn kehrte keineswegs Ruhe ein, denn am 30. September folgte die Kommunalwahl. Und diese stand unter völlig anderen Vorzeichen als jene zuvor: Waren 1970 und 1975 die Spitzenkandidaten zwei Männer aus Schiefbahn, so standen diesmal zwei Willicher Frauen in vorderster Reihe - Käthe Franke und Renate Tippmann. Die Sozialdemokratin erinnert sich noch heute daran, wie aufreibend der damalige Wahlkampf war: „Als ich nach Willich kam, hatte die CDU in allen Wahlkreisen die Mehrheit. Einen Wahlkreis für die SPD zu holen, das war harte Arbeit. Ich habe keinen Haushalt ausgelassen, jeden Wähler privat besucht - von Haustür zu Haustür. Am Tag vor der Wahl bin ich dann nochmal zu den Wählern gegangen, die ich beim ersten Mal nicht angetroffen hatte, habe ihnen eine rote Rose überreicht und an die anstehende Wahl erinnert. Dann war es natürlich frustrierend, wenn einer antwortete: ‚Wat denn für'n Wahl?' Für Renate Tippmann sollte sich die Arbeit lohnen - sie gewann ihren Wahlkreis. Genau wie Käthe Franke, deren Partei die absolute Mehrheit verteidigen konnte - wenn auch knapp. Nach all diesen bemerkenswerten Ereignissen setzte eine Zeit der Kontinuität an, bekleideten doch sowohl Käthe Franke als auch Dr.Hans Lamers in den folgenden 12 Jahren ihre Ämter. Dazu kam Dieter Hehnen, der ein Jahr später zum Kämmerer gewählt wurde.